Vom piezoelektronischen Kristall - zum Transistor-Rocktaschen-Super.

Ein Artikel aus der Radioschau 1/1959 von L.Ratheiser (bearbeitet 11/2002 von Hans-Peter Traußnigg)



J.Ratheiser schreibt im Vorwort:
Wir haben an dieser Stelle schon mehrfach Gelegenheit gehabt, besondere Leistungen der österreichischen elektronischen Industrie zu würdigen, vor allem jene, die dem technischen Können, der Initiative und dem technisch-kaufmännischen Weitblick einzelner Männer zu danken sind. Auch diesmal können wir das 10jährige Bestehen eines nach dem Kriege ins Leben gerufenen Unternehmens zum Anlass einer Würdigung nehmen, die in erster Linie dem Gründer und Leiter des Betriebes, Herrn Dipl.-Ing. Achim R a i n e r, zukommt. Seine vor und während des Krieges in deutschen Großbetrieben gewonnenen Erfahrungen - er war u. a. an der Entwicklung des bekannten "Kammermusikgerätes" maßgeblich beteiligt und später in der Kristalltechnik tätig -waren das Anfangskapital, das er, zusammen mit einigen wenigen, aber begeisterten Mitarbeitern in ein eigenes Unternehmen einbrachte, das heute als wohlfundierter Mittelbetrieb in der österreichischen Radioindustrie einen guten Rang einnimmt und mit seinen Erzeugnissen auch auf den Auslandsmärkten ein geschätzter Partner ist.



Im KRISTALLWERK, Graz, klingelt fast ununterbrochen das Telefon, und aus allen Teilen Osterreichs wird dringend die Lieferung der neuen Transistor-Rocktaschen-Empfänger, über die in der Tagespresse in großer Aufmachung berichtet wurde, verlangt. Davon konnten wir uns anlässlich einer Besichtigung der neuen Fabrikanlagen selbst überzeugen, zu der das Unternehmen kürzlich eingeladen hatte. Der Inhaber und Leiter des KRISTALL WERKES, Herr Dipl.-Ing. R a i n e r, darf, zusammen mit seinen engeren technischen Mitarbeitern, den Herren Ing. L e i t n e r (Entwicklung), Ing. K o h I r o s e r (Kristalltechnik) und Ing. P r o h a s k a (Prüffeld), dieses große Interesse für den neuen Miniaturempfänger als schönes Jubiläumsgeschenk zum 10jährigen Bestand seiner Firma buchen. Wie schon der Name sagt, hatte sich das KRISTALLWERK bei seiner Gründung im Jahre 1948 ursprünglich die Erzeugung von piezoelektrischen Kristallelementen und der damit zusammenhängenden Geräte -Kristallhörer, Kristallmikrofone, Kristalltonabnehmer, Kristalllautsprecher usw. zum Ziel gesetzt, und die Leser der RADIOSCHAU werden diese Erzeugnisse aus früheren Berichten sicherlich in Erinnerung haben. Auch heute beansprucht diese Fertigung noch einen erheblichen Teil der Betriebskapazität. In den Kellerräumen des Werkes vollzieht sich in aller Stille ein geheimnisvolles und wunderbares Spiel der Natur, dem der menschliche Geist seinen Willen aufgezwungen hat. Hier wird der sogenannte "Seignettesalz- Kristall", der für elektroakustische Wandler heute eine so große Bedeutung besitzt, aus "Keimlingen" gezüchtet. In zahllosen badewannenartigen Kästen wachsen in kleinen Glasbehältern mit einer Wuchsgeschwindigkeit von einigen Millimetern pro Tag die glasklaren Kristallblöcke unter sorgsamer Betreuung und genauester automatischer Temperaturregelung aus der salzhaltigen Flüssigkeit heraus. Die fertigen Blöcke werden dann durch Spezialmaschinen und besonders entwickelte Verfahren in winzige Blättchen geschnitten, zu Elementen zusammengebaut und mit Anschlußfahnen versehen. Heule erzeugt das KRISTALLWERK vor allem Kristallelemente für Tonabnehmer, die in monatlichen Stückzahlen von oft mehreren Hundertlausend in alle Weil, besonders nach Deutschland und England, geliefert werden und zum Teil in kompletten Plattenspielern wieder nach Osterreich zurückkommen. Es war daher naheliegend, da~ das KRISTALLWERK auch die Erzeugung und den Vertrieb von Laufwerken aufnahm und durch enge Zusammenarbeit mit hochspezialisierten ausländischen Erzeugerfirmen ein komplettes Lieferprogramm an hochwertigen Plattenspielern anbieten kann. Mit der gleichen Tatkraft, mit der dieser für Osterreich völlig neuartige Fabrikationszweig ins Leben gerufen und zum Erfolg geführt wurde, hat die Betriebsleitung in den mit Hilfe eines ERP- Kredites nach modernsten Grundsätzen aufgebauten und ausgestatteten Fertigungsanlagen nunmehr auch die Erzeugung von Transistor-Miniaturempfängern aufgenommen. Die Resonanz, die erste Großserie dieses Gerätes - die an eine Vertriebsorganisation geliefert wird - in der Öffentlichkeit gefunden hat, berechtigt zu der Annahme, dass auch damit wieder ein großer Wurf gelungen ist. Nun, die relativ einfache Schallung eines Transistor-portables lässt ein solches Beginnen auf den ersten Blick als verhällnismäßig einfaches Vorhaben erscheinen. Wer jedoch mit der Entwicklung und Fertigung elektronischer Geräte näher vertraut ist, kennt die für den Außenslehenden kaum vermutbaren Schwierigkeilen, die bei einem solchen Fabrikationsanlauf stehts zu überwinden sind. Wenn diese Klippen im vorliegenden Fall als überwunden gellen dürfen, so ist dies nicht zuletzt dem glücklichen Griff der Betriebsleitung zu danken, einen erfahrenen Empfängerkonstrukteur, Herrn Ing. J. S l i s k o v i c, als Mitarbeiter zu gewinnen. Seine Vorliebe für "Miniaturen", die unsere Leser kennen und schätzen, fand hier das richtige Betätigungsfeld für sein spezielles "Hobby". Sein Einfluss ist daher für den Fachmann in Schallung, Konstruktion und Aufbau dieses "echten" Rocklaschenempfängers unschwer zu er- kennen. Wie man mit einem kleinen Luft-Drehkondensator geringer End- Kapazität den notwendigen Wellenbereich erzielt, wie man mit nur 5 Transistoren die Empfindlichkeit eines 7 Transistoren-Gerätes hervorzaubert, die gedruckte Verdrahtung, die richtige und sparsame Auswahl der Bauteile, der neue in Zusammenarbeit mit einer österreichischen Spezialfirma entwickelte, den besonderen Anforderungen bestens angepasst Kleinstlautsprecher, dies sind nur einige Feinheiten, die die große Erfahrung verraten, die in dieser Konstruktion steckt, die mit 0,4 Liter Volumen und etwa 400 g Gewicht der bisher kleinste österreichische Transistorsuper ist. Die in der Nachkriegszeit so erfolgreiche österreichische Radiotechnik darf deshalb mit Befriedigung eine weitere wertvolle Eingangspost auf der Haben-Seite ihrer Bilanz buchen. L. Ratheiser




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